Interview

Interview mit Rodrigue R. R. Brugger, CREDIT SUISSE AG

Seit wann setzen Sie das HBDI® und das Whole Brain® Thinking-Modell aktiv ein? Und welche (beruflichen) Vorteile bringt es mit sich, mit Whole Brain® Thinking die tägliche Arbeit zu gestalten?

Ich setze das HBDI® seit über 20 Jahren aktiv ein. Es überzeugt mich immer wieder, dass es KEIN Test ist, sondern ein Instrument für die persönliche Entwicklung oder Teamentwicklung. Jeder kann dank Whole Brain® Thinking seine Stärken einbringen und ich erlebe es immer wieder, dass die Teilnehmer in meinen Workshops oder Coachings plötzlich auch erkennen, wie vorteilhaft es sein kann, mit Menschen mit unterschiedlichen HBDI®-Profilen zusammenzuarbeiten. Mich persönlich hat es gelehrt, meine „gelbe“ Neigung noch bewusster einzusetzen und meine schwache „grüne“ Ausprägung mittels der Zusammenarbeit mit anderen zu kompensieren.

Wie hilfreich erscheint Ihnen ‒ ganz allgemein gesprochen ‒ der Einsatz eines Persönlichkeitsinstruments für die Entwicklung und Selbstreflexion von Mitarbeitern bzw. Teams bis hin zur gesamten Organisation?

Ich stelle sehr oft fest, dass die Teams „plötzlich“ oder „wieder“ mehr Lust bekommen miteinander zu arbeiten. Es reizt sie in Whole Brain®-Teams, in denen alle HBDI®- Dominanzen vertreten sind, Projekte zu realisieren und Aufgaben erfolgreich zu erfüllen. Außerdem sehe ich das HBDI® auch als DIE Konfliktprophylaxe, denn sobald den Teams ihre HBDI®-Profile untereinander transparent werden, können sie die Diversität innerhalb des Teams und die Unterschiedlichkeit ihres Gegenübers besser nachvollziehen und diese auch akzeptieren.

Zuerst würde ich mir Gedanken über den Projektleiter machen. Meine Erfahrungen sind, dass Projektleiter entweder eine starke „gelbe“ Dominanz besitzen oder eine „grüne“, jeweils mit einem hohen Anteil von „blau“. Beide wären für ein Projekt gut: der „gelbe“ für die Anfangsphase und der „grüne“ für die Abschlussphase. Somit wäre der ideale Projektleiter ein Duo oder Co-Lead: der „Gelbe“ als Außenminister und der „Grüne“ als Innenminister. Wenn sich die beiden Projektleiter dann noch gegenseitig akzeptieren, dann ist der Projekterfolg sehr wahrscheinlich.

Dies habe ich persönlich erlebt: Ich war Projektleiter eines der größten IT-Projekte „Umstellung von Windows XP auf Windows 7“. Die ersten beiden Jahre habe ich als „Gelber“ das Projekt aufgesetzt und alle möglichen Herausforderungen im Team gelöst und aufgegleist. Als der Prozessablauf der Umstellung klar und durchführbar war, habe ich das Projekt einem „Grün/Blauen“ übergeben. Dieser hat dann das Projekt erfolgreich abgeschlossen.

Bei der Teamzusammensetzung ist sicherzustellen, dass alle Quadranten des Whole Brain® Thinking-Modells abgedeckt sind und dass in dem Whole Brain®-Team jeder über die Stärken der anderen Bescheid weiß und jeder die Möglichkeit hat, sich einzubringen. Gerade in IT-Teams ist häufig der „rote“ Bereich unterbesetzt. Es fehlt oft an der benutzergerechten Kommunikation, damit es auch Nicht-IT’ler verstehen.

Zufriedene, engagierte, motivierte Mitarbeiter. Der Traum eines jeden Teamleiters. Wie kommen Führungskräfte dorthin?

Hier gibt es nur eine Aussage: "vier-farbig" führen! Jeder Mitarbeiter will in seiner Dominanz gefördert und akzeptiert werden. Wenn ein Leader sich darauf einstellen und anpassen kann, ohne sich zu verleugnen, dann werden ihn seine Teammitglieder sehr schätzen und somit wird das Team als Ganzes äußerst erfolgreich sein. Wichtig ist aber, dass es die Teamleiter auch wollen und nicht – wie auch erlebt – es als Checkliste abarbeiten.

Ich habe schwach ausgeprägte „rote“ Teamleiter erlebt, die nach einem Leadership-Training angefangen haben, jeweils montags die Mitarbeiter nach dem Wochenende zu fragen, mittwochs zu loben und sie am Donnerstag zu einem Kaffee einzuladen. Die ersten Wochen fanden die Mitarbeiter das ganz toll, da sie das Gefühl hatten, dass ihre Führungskraft eine Beziehung zu ihnen aufbauen wollte. Aber ab der dritten Woche wurde es als strukturierter, kalter Ablauf wahrgenommen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis beim Einsatz des Whole Brain® Thinking-Modells?

Es gibt unendlich viele schöne Erlebnisse, vor allem wenn ich sehe, wie die Workshop-Teilnehmer oder Coaches plötzlich ihr Verhalten nach dem Erläutern des HBDI®-Profils positiv verändern.

Drei Beispiele, an die ich mich immer wieder gerne erinnere:

A) Wir hatten einen Teamworkshop mit einer Teamleiterin und vier Teammitgliedern durchgeführt. Es konnte nicht idealer sein – wie aus dem Lehrbuch – die Teamleiterin war 4-fach dominant (HBDI®-Profil: 1111) und halb introvertiert und halb extrovertiert. Ihre Teammitglieder waren jeweils in einer Farbe sehr stark dominant. Die Verteilung Introvertiert/Extrovertiert war halb, halb. Dieses Team ist ein echtes Powerteam und wird auch als solches wahrgenommen. Das Team kommt auch privat sehr gut miteinander aus. Es war ein Genuss, mit diesem Team einen HBDI®-Workshop durchzuführen.

B) Ein Manager kam nach einem HBDI®-Workshop zu mir und erzählte, dass er gerade in der Trennungsphase sei und ob ich ein HBDI®-Zwei-Personen-Profil mit ihm und seiner baldigen Ex-Frau durchführen könnte. Als mir seine Frau persönlich mitteilte, dass sie damit einverstanden war, habe ich die HBDI®-Profilbesprechung mit beiden durchgeführt. Er sehr dominant in „Blau“ (110, „Rot“ 45) sie sehr dominant in „Rot“ (114, „Blau“ 32). Während des Gesprächs stimmten sie ‒ vor allem bei den Schwachpunkten des anderen ‒ jeweils zu. Sie erkannten jedoch auch, je länger das Gespräch dauerte, die Vorzüge des Gegenübers. Das Feedback am Ende war: Hätten sie dieses HBDI®-Zwei-Personen-Profil vor Jahren gemacht, wären sie wahrscheinlich noch zusammen. Ich sehe hier eine Chance für beide für eine nächste harmonischere Beziehung.

C) Ein Manager wollte unbedingt an einem der HBDI®-Workshops teilnehmen. Ich fragte ihn weshalb. Er erzählte mir, dass er schon einige seiner Mitarbeiter zu uns geschickt hatte und diese jeweils „verändert“ zurückgekommen waren und sich im Team viel positiver verhielten. Dies hatte ihn sehr neugierig gemacht und so wollte er das auch „erleben“.

Vielen Dank, Herr Brugger, für das angenehme und informative Gespräch und wir hoffen, dass Sie auch die nächsten 20 Jahre noch viele schöne Erlebnisse beim Einsatz des Whole Brain® Thinking-Modells und des HBDI® haben.